Bagel in Montréal sind ein Stück Alltagskultur – noch warm gekauft, während sie gleich hinter der Theke im Holzofen gebacken werden.
Wer sie zum ersten Mal probiert, ist oft überrascht: kleiner, fester, leicht süß – und ganz anders als das, was man sonst als Bagel kennt.
Der eigentliche Unterschied liegt aber nicht nur im Geschmack, sondern im Erlebnis vor Ort.
Wenn du gerade erst anfängst, deine Reise nach Montréal zu planen, lohnt sich ein kurzer Überblick über die wichtigsten Viertel und Sehenswürdigkeiten in Montréal:
→ Montréal Guide: Sehenswürdigkeiten,
Viertel & Tipps
Wenn du noch unsicher bist, wie viel Zeit du für Montreal brauchst, habe ich das hier zusammengefasst:
→ Wie viele Tage in Montréal - meine Empfehlung
September 2014, ich bin seit einigen Wochen in meinem Auslandssemester in Montréal und betrete zum ersten Mal St. Viateur Bagel in der Avenue Mont-Royal – es riecht nach Hefe und den Toppings der Bagel, nach Sesam, Knoblauch, Zimt.
Hinter der Theke arbeiten mehrere Bäcker gleichzeitig. Mit langen Holzstangen schieben sie die Bagels in die offenen Holzöfen, ziehen sie wieder heraus, stapeln sie in große Gitterkörbe. Alles läuft schnell, koordiniert, fast durchchoreografiert
Auf der einen Seite sitzen Menschen mit belegten Bagels, auf der anderen stehen Leute wie ich, die einfach nur ein paar frische mitnehmen wollten.
Ich erinnere mich noch gut an den ersten Biss draußen auf der Straße.
Die Kruste leicht knusprig, innen weich und noch warm – und süßer, als ich es erwartet hatte. Nicht wie ein klassisches Brot, sondern etwas Eigenes.
Bagel in Montréal sind anders - anders als ihre New Yorker Verwandten, und anders als die, die man aus dem Supermarkt kennt.
Sie sind kleiner und etwas kompakter. Der Teig wird leicht gesüßt, traditionell in Honigwasser pochiert und anschließend in Holzöfen gebacken. Dadurch entsteht diese typische Kombination aus
fester Kruste und weichem Inneren.
Historisch geht das Ganze auf jüdische Einwanderer aus Osteuropa zurück, die ihre Backtraditionen mit nach Montréal brachten. Lange Zeit war der Bagel hier kein Trendprodukt, sondern schlicht ein alltägliches Lebensmittel – schnell gemacht, günstig, sättigend.
Und genau das spürt man bis heute.
Und anders als bspw. in den USA liegt der Fokus stärker auf dem Bagel als Backware, und nicht unbedingt auf dem Bagel als belegtes Sandwich. Sie funktionieren auch pur – noch warm, direkt aus der Tüte, oft einfach im Gehen gegessen.
Wenn man sich zum ersten Mal gezielt auf die Suche nach „den berühmten Montréal-Bagels“ macht, hat man oft ein bestimmtes Bild im Kopf.
Ein kleines Café vielleicht, ein gemütlicher Platz, ein schön belegter Bagel auf dem Teller.
Aber: In den klassischen Montrealer Bagel-Läden fühlt sich das anders an.
St-Viateur und Fairmount sind in erster Linie Bäckereien. Man kommt rein, bestellt, bekommt einen warmen Bagel in die Hand – und steht oft wenige Minuten später wieder draußen. Sitzplätze spielen
keine große Rolle, manchmal gibt es gar keine.
Ausnahme ist die Filiale von St. Viateur in der Rue Mont-Royal: hier gibt es separate Bereiche für die, die einfach nur pure Bagel zum mitnehmen kaufen wollen – und einen Bereich für die, die
Bagel Sandwiches vor Ort essen möchten.
Das eigentliche Erlebnis ist die Bäckerei selbst:
Man sieht, wie gearbeitet wird. Man riecht den Ofen, hört das Klappern der Bleche, steht vielleicht kurz in der Schlange und merkt, dass hier nicht für Besucher inszeniert wird, sondern einfach produziert wird – so wie seit Jahrzehnten.
Wenn man sich darauf einlässt, wird genau das zum eigentlichen Erlebnis.
Wenn man sich ein bisschen mit Montréal-Bagels beschäftigt, stößt man früher oder später auf zwei Namen: St-Viateur und Fairmount.
Beide liegen im Mile End, nur ein paar Minuten voneinander entfernt. Beide backen seit Jahrzehnten nach ähnlichen Prinzipien. Und trotzdem fühlt sich ein Besuch unterschiedlich an – vor allem, je nachdem, wie nah man tatsächlich am Geschehen ist.
Meine eigenen Erfahrungen mit St-Viateur stammen aus der Filiale an der Avenue Mont-Royal.
Und genau dort wird dieser Unterschied sofort spürbar.
Man kann sich hinsetzen, einen belegten Bagel essen, einen Kaffee trinken – also eigentlich das, was man von einem Café erwarten würde. Gleichzeitig passiert direkt um einen herum die Produktion: die offenen Öfen, die langen Holzstangen, das ständige Rein- und Rausziehen der Bagels.
Es riecht nach Hefe, nach Sesam, nach allem, was gerade gebacken wird.
Man sitzt nicht neben dem Geschehen.
Man sitzt mittendrin.
Dieses Zusammenspiel aus Café und laufender Bäckerei ist für mich der prägendste St-Viateur-Moment – und einer, der sich über die Jahre kaum verändert hat.
Fairmount funktioniert anders.
Die eigentliche Bäckerei ist kleiner, reduzierter und vor allem auf das schnelle Kaufen ausgelegt. Man kommt rein, bestellt, bekommt die Bagels in die Hand und geht wieder.
Auch hier laufen die Öfen, auch hier riecht es nach frischem Teig – aber alles ist etwas weniger sichtbar und exponiert.
Seit kurzem betreibt Fairmount schräg gegenüber der Bäckerei ein Café. Dort werden die Bagels aus der Bäckerei serviert – aber in einer ganz anderen Atmosphäre. Ruhiger, entspannter, fast losgelöst vom eigentlichen Produktionsort.
Genau dort saß ich bei meinem letzten Besuch am Fenster, habe meinen Bagel gegessen und auf die Straße geschaut.
Draußen läuft das Leben im Mile End vorbei, drinnen ist es ruhig.
Wenn man beide vergleicht, dann liegt der Unterschied weniger im Bagel als darin, wie nah man dem eigentlichen Prozess ist.
Bei St-Viateur sitzt man mitten im Geschehen.
Bei Fairmount entscheidet man stärker selbst, ob man nur kurz vorbeigeht – oder den Moment im Café gegenüber bewusst herausnimmt.
Beides gehört zu Montréal.
Und beides zeigt auf seine eigene Art, wie alltäglich diese Bagels hier eigentlich sind.
Wenn du das nicht nur punktuell erleben, sondern etwas tiefer in die Food-Kultur von Montréal eintauchen willst, kann eine geführte Food Tour durch Mile End eine spannende Ergänzung sein.
Montréal-Bagels sind kein großes kulinarisches Ereignis.
Sie sind einfach, auf das Wesentliche reduziert und echtes Backhandwerk - ein bisschen wie das Croissant in der französischen Bäckerei oder die Laugenbretzel vom Handwerksbäcker.
Man steht kurz in der Schlange, bekommt etwas Warmes in die Hand, geht wieder raus auf die Straße. Kein großes Setup, kein inszenierter Moment - sondern ein Stück Montréaler Alltag und Tradition.